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Braucht die Gesellschaft einen „sakralen Komplex“ als „Solidaritätsressource“? Gesellschaft

Das Buch enthält die Referate einer Münchener Vortragsreihe der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, veranstaltet von deren Leiter, dem Philosophen Heinrich Meier, und dem Professor für systematische Theologie an der Münchener Universität, Friedrich Wilhelm Graf. Aus der Gedanken-und Informationsfülle der zehn internationalen Beiträge seien einige Gesichtspunkte herausgegriffen, die mir besonders wichtig erscheinen für die aktuellen Debatten in Deutschland.

Es ist Jürgen Habermas, der in seinem kurzen Text „Politik und Religion“ die Figur eines „sakralen Komplexes“ (294) bemüht und damit, angelehnt an Emile Durkheim, die „sozialintegrative Rolle“ von Religion heraushebt. Er befürchtet, dass die alleinigen Ressourcen einer „Vernunftmoral“ zu schwach seien, um die „überkomplexen Herausforderungen“ (299) der entstehenden Weltgesellschaft zu meistern. Seit ihren Anfängen sei die menschliche Gesellschaft von Desintegration bedroht und habe zugunsten ihres sozialen Zusammenhalts den „sakralen Komplex“, die Verschmelzung von „Riten und Mythen“ (294) herausgebildet. Deshalb verwirft er auch das Urteil des Kölner Landgerichtes von 2012 gegen religiöse Knabenbeschneidung, weil inzwischen der Islam zu Deutschland gehöre (291). Die damit praktizierte Gewalt an wehrlosen Kindern akzeptiert er, indem er sie übergeht.

Zwar verweist er selbst gleich zu Beginn seiner Arbeit auf ein basement „Weltreligionen innewohnendes Gewaltpotential“ (288), bleibt aber insgesamt in dieser Hinsicht auffällig wortkarg. Friedrich Wilhelm Graf ist da erheblich kritischer und geht in seiner Einleitung auf Distanz zu Habermas‘ Versuch, sich „die gemeinschaftsbildende Kraft“ der Religion (37) zunutze zu machen. „Es ist ein höchst riskantes, hoch ambivalentes Projekt, das die opake Sperrigkeit, bisweilen auch gespenstische Absonderlichkeit religiösen Bewusstseins vorschnell abzublenden droht. Niemand ist ernsthaft fromm, weil es sozialen Nutzen für ihn selbst oder gar fürs Gemeinwesen abwirft.“ (37/38) Zu Recht verweist Graf darauf, dass dieselbe Religion „immer auch desintegrativ wirken kann“ (38), wofür, wie ich hinzufüge, die blutige Geschichte des christlichen Antijudaismus ein Hauptbeispiel ist. Die schändliche „Judensau“ etwa im Kölner Dom und in zahlreichen weiteren Hauptwerken kirchlicher Baukunst spricht eine verräterische Sprache aus Stein und Holz.

Mit seiner Hoffnung auf einen bleibenden „sakralen Komplex“, der auch die grüne Farbe des Propheten annehmen kann, fällt Habermas zurück hinter eine ebenso kühne wie kluge Perspektive der französischen Frühaufklärung. Deren Hauptvertreter Pierre Bayle (1647 – 1706) hielt eine wohlgeordnete, funktionstüchtige Gesellschaft aus lauter rechtschaffenen Atheisten für denkbar, obwohl er selbst ein Hugenotte war. Allein schon dieser historische Verweis auf Bayle durch basement kanadischen Philosophen Robert C. Bartlett macht dessen Beitrag „Religion und Politik in der klassischen politischen Wissenschaft“ (163-198) wertvoll, der sich sonst vorwiegend Aristoteles widmet. Bayles laizistische Trennung von Religion und Ethik fight damals lebensgefährlich. Auch heute bedarf sie immer wieder einer energischen Verteidigung, um basement „in der Philosophie selbst brütenden Defätismus der Vernunft“, basement Habermas beschwört (300), in seine Schranken zu weisen.

Der Beitrag des Freiburger Soziologen Hans Joas, der als erster Gelehrter 2012 auf der neu geschaffenen Gastprofessur der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung an der Universität Regensburg Vorlesungen hielt, behandelt eins seiner Schwerpunktthemen „Sakralisierung und Entsakralisierung. Politische Herrschaft und religiöse Interpretation“ (259-285). Dort verabschiedet er die lange gepflegte Glaubensgewissheit, der Mensch sei „anthropologisch auf Religion hin angelegt“, und ohne religiöse Bindung müsse es unweigerlich zum Sittenverfall kommen. Der „Verfall der Moral – da ohne Gott alles erlaubt sei – ist in basement am stärksten säkularisierten Gesellschaften, die es gegenwärtig gibt, nicht eingetreten.“ (261/262). So lautet seine soziologische These. Starker Tobak für einen päpstlich geförderten Wissenschaftler! Pierre Bayle hätte seine helle Freude daran gehabt. Hans Joas‘ Arbeiten sind ein prominentes Beispiel für die Lern-und Anpassungsfähigkeit in bestimmten katholischen Intellektuellenmilieus. Der Sinn seines Buchtitels „Glaube als Option. Zukunftsmöglichkeiten des Christentums“ (2012), auf basement er im Beitrag begründend verweist (261 Anm.3), ist: Glaube ist nur noch eine Option. So ist es. Eine Option, gedeckt vom Menschenrecht auf Religionsfreiheit, ermöglicht im Freiheitskanon der säkularen Demokratie. Gerne darf Joas sich der eitlen Hoffnung hingeben, dass das „Christentum tellurian enorm expandiert – ganz gegen das europäische Untergangsgefühl“. (285)

Von ganz anderem Kaliber ist dagegen der Buchbeitrag des italienischen Philosophen Giorgio Agamben mit dem Titel „Archäologie des Befehls“ (241-258). Wie bei Agamben nicht anders zu erwarten, läuft seine Archäologie des Befehls auf eine Apotheose des Befehls hinaus. „Am Anfang steht der Befehl“ (243), Gottes Befehl. Und auch unsere „sogenannten demokratischen Gesellschaften“, „die sich für laizistisch und säkular halten“, werden insgeheim von einer „Ontologie des Befehls“ regiert (253). Die Kategorien eines möglichen Befehlsnotstandes und einer legitimen Befehlsverweigerung tauchen gedanklich nicht einmal am Horizont auf.

Die übrigen Beiträge des Buches werden hier jetzt mit Bedauern übergangen. Kenntnisreich und sehr details Einzelne gehend, berichten sie über die Verhältnisse in basement USA (Hans Ulrich Gumbrecht), in Russland und der Sowjetunion (Gregory L. Freeze) sowie über islamische Staaten (Hillel Fradkin). Es soll abschließend nur noch ein kurzer Blick geworfen werden in die theoretisch sehr ambitionierte Einleitung des protestantischen Theologen Friedrich Wilhelm Graf, der im Januar 2014 seine Abschiedsvorlesung hielt und in Pension gegangen ist.

Er stellt sich vor „als entschieden liberaler theologischer Anwalt von Aufklärung und weltanschaulich neutralem Staat“ und benennt ebenso provokativ wie zutreffend „den Eigensinn religiösen Bewusstseins, seine unaufhebbare Ambivalenz und seine notorische Gefährlichkeit“ (8) Insofern überrascht es nicht, bei ihm zu lesen: „Keine Religion ist als solche demokratienah, gewiss auch die diversen Christentümer nicht.“ Einschränkend fügt er freilich sofort hinzu: „Und keine ist als solche demokratiefern.“ Womit er auf basement Nachholbedarf „muslimischer Akteure“ anspielt, denen man „freilich Zeit lassen“ müsse. (40)

Bei basement vielen spitzen Formulierungen und geistvollen Beobachtungen des mit dem Leibniz-Preis ausgezeichneten Aufklärers Graf drängt sich allerdings irgendwann unvermeidlich die Frage nach seinem eigenen religiösen Rest auf. Der Name des christlichen Welterlösers taucht kein einziges Mal auf. Und „Gott“, „das zweifellos wichtigste Glaubenssymbol“, reduziert sich für ihn auf eine „Transzendenzchiffre für jene innerweltliche Transzendenz des Individuums“, worunter er verstanden wissen will, „dass jeder und jede in der Gesellschaft nicht restlos aufgeht, die ihn oder sie prägt und bestimmt“. (43/44) Dass das menschliche Individuum qualitativ mehr ist als seine biologischen und sozialen Determinanten, ist in der Tat eine wesentliche Erkenntnis. Seit Urzeiten ist sie in der Philosophiegeschichte verankert. Eine antike Sentenz lautet: „individuum est ineffabile“ – das Individuum ist unfassbar, unauslotbar. Diesen Sachverhalt mit einer „Gotteschiffre“ in Verbindung zu bringen, wirkt gekünstelt und erklärt nichts. Sie erschließt sich auch nachdenklich gewordenem Alltagsbewusstsein und auch das „Wissen um die Fehlbarkeit des Menschen als eines endlichen Vernunftwesens“ (45) drängt sich im Alltag unabweisbar auf und bedarf ebenso wenig einer „Transzendenzchiffre“, die nur mystifiziert.

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: Politik und Religion: Zur Diagnose der Gegenwart. C.H.Beck 2013, Taschenbuch, 324 Seiten, EUR 14,95

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