Eine blinde Strafverteidigerin geht ihren Weg

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Eine blinde Strafverteidigerin geht ihren Weg

Studium und Beruf Eine blinde Strafverteidigerin geht ihren Weg

Die Rechtsanwältin Pamela Pabst arbeitet in ihrem Büro in Berlin. Pamela Pabst ist die bundesweit erste Strafverteidigerin, die von Geburt an blind ist

Pamela Pabst ist die erste blinde Strafverteidigerin Deutschlands. In ihrem gerade veröffentlichten Buch erzählt sie von Kindheit, Schulzeit, Studium und ihrem langen Weg ans Berliner Kriminalgericht.

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18.04.14

Studium und Beruf

Pamela Pabst ist die erste blinde Strafverteidigerin Deutschlands. In ihrem gerade veröffentlichten Buch erzählt sie von Kindheit, Schulzeit, Studium und ihrem langen Weg ans Berliner Kriminalgericht.

Von
Dagmar Trüpschuch

Foto:
picture alliance/dpa

Die Rechtsanwältin Pamela Pabst arbeitet in ihrem Büro in Berlin. Pamela Pabst ist die bundesweit erste Strafverteidigerin, die von Geburt an blind ist

Die Rechtsanwältin Pamela Pabst arbeitet in ihrem Büro in Berlin. Pamela Pabst ist die bundesweit erste Strafverteidigerin, die von Geburt an blind ist

Langsam füllt sich die Buchhandlung Lehmanns in der Friedrichstraße. Auf die Bühne kommt Pamela Pabst. Die von Statur kleine Frau mit dem grauen, langen Zopf setzt sich, schaut ins murmelnde Publikum. So sieht sie also aus, die bekannte blinde Strafverteidigerin, die schwere Jungs, wie Mörder und Vergewaltiger zu ihren Klienten zählt.

Pamela Pabst stellt an diesem Abend ihr erstes veröffentlichtes Buch vor. Titel “Ich sehe das, was ihr nicht seht – Eine blinde Strafverteidigerin geht ihren Weg”. Hier beschreibt sie, weshalb und wie sie Strafverteidigerin geworden ist. Und welche Hürden sie nehmen musste.

Begleitet wird sie von der Autorin Shirley Michaela Seul, mit der sie das Buchprojekt umgesetzt hat. Die liest aus dem frisch gedruckten Werk. “Es war Patchwork”, erzählt Pamela Pabst. “Einen Teil hat Shirley anhand meinen Erzählungen verfasst, einen Teil habe ich selber geschrieben.”

Kindheit und Jugend

Die Co-Autorin liest von der fröhlichen Kindheit der kleinen “Ela” wie ihre Eltern sie nennen, der furchtbaren Zeit auf dem Gymnasium mit sehenden Pubertisten, von wilden Autofahrten, einem anstrengenden Studium und einem Berufswunsch, der nicht ganz in Erfüllung gehen soll. Pamela Pabst lauscht aufmerksam, so als höre sie ihre Geschichte zum ersten Mal. Ihr Gesicht wendet sie der Vorleserin zu, an einigen Stellen lacht das Publikum, an anderen Pamela Pabst. Die 36-Jährige lacht oft, die Erinnerungen scheinen vor ihrem inneren Auge aufzuleben.

Pamela Pabst hat durchaus Medienerfahrung, die erste blinde Strafverteidigerin Deutschlands ist einfach eine Geschichte wert. Warum noch ein Buch? “Nicht dass ich es schon fertig geschrieben in der Schublade gehabt hätte”, sagt die Autorin. “Aber Shirley ist auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich nicht Interesse hätte, an einem gemeinsamen Buchprojekt zu arbeiten.” Sie hatte. Auch um anderen Mut zu machen.

Die Arbeit am Buch beginnt, als Pamela Pabst wegen einer Augen-OP im Krankenhaus liegt. Sherley Seul besucht die Rechtsanwältin tagtäglich. “Wir haben viel geredet, gelacht und geweint”, sagt Pamela Pabst, denn nicht alle Erinnerungen, die sie hervorkramt, sind schön.

Berufswunsch Richterin

Eigentlich will Pamela Pabst Richterin werden. Das weiß sie von dem Moment an, als sie mit elf Jahren das erste Mal eine Anwaltskanzlei betritt. Fasziniert von der Sprache des Anwalts und von dem Wort “Mandant” sagt sie: “Mama, so wie der Mann will ich auch mal reden können”. “Dann musst du Jura studieren”, erwidert die Mutter. Das ist das erste Schlüsselerlebnis.

Das zweite folgt einige Jahre später. Getrieben von ihrem Berufswunsch bewirbt sie sich für ihr Schülerpraktikum in genau der Kanzlei, die sie im Alter von elf Jahren, beseelt von dem Wort “Mandant”, verlassen hat. Da Anwalt Schwoll nicht weiß, wie er seine blinde Anwärterin einsetzen soll, nimmt er sie mit zu Gericht. Pamela Pabst betritt das Gerichtsgebäude Moabit und es macht nochmal Klick. “Ich stand in diese Eingangshalle, von der ich noch überhaupt nichts wusste”, schreibt sie. “Doch ich spürte sie intensiv – und so geht es mir noch heute: Sie ist sehr hoch und erinnert an eine Kathedrale”. Einige Zeilen weiter: “Ein heiliger Ort. Ich spürte: Hier will ich hin, hier gehöre ich hin”.

Von nun an hat sie nur noch ein Ziel: im Kriminalgericht Fuß zu fassen. Als Richterin. Ferien? Schulpraktikum beim Rechtsanwalt Schwoll. Karriere: Abitur und dann an die Universität. Ihre Mitschüler werfen ihr vor, von den Lehrern bevorzugt zu werden. “Aber bevorzugt wurde ich erst, als ich an die Uni ging”, sagt Pamela Pabst. “Als Blinde konnte ich aussuchen, auf welche Universität ich gehen wollte. Und der Numerus Clausus fiel weg.”

Studium an der FU Berlin

Die junge Frau wählt die Freie Universität Berlin. Zum Studium benötigt sie eine blindengerechte Arbeitsausstattung, wie beispielsweise einen Computer, der eingescannte Texte und Bücher vorliest und in Blindenschrift übersetzt. Kommilitonen, die sie bezahlt, lesen ihr Paragrafen und Urteile vor, Klausuraufgaben bekommt sie mit einem extra Zeitbonus in Blindenschrift vorgelegt.

Aufgrund ihrer guten Leistungen erhält die Studentin ein Stipendium. Das Geld geht vorwiegend dafür drauf, den Service des Blindenvereins Marburg zu zahlen, der ganze Bücher auf Kassetten spricht. Für einen 240-seitigen Wälzer werden 26 bis 28 Kassetten à 90 Minuten benötigt. Eine Kassette kostet 15 D-Mark.

Pamela Pabst investiert mehr Zeit als ihre Kommilitonen in ihr Studium, arbeitet in den Semesterferien weiterhin bei Rechtsanwalt Schwoll, paukt, lässt sich vorlesen, schreibt, stellt sich eine eigene Bibliothek zusammen, besteht Prüfungen und Staatsexamen.

Ein Berufswunsch platzt

Die Ernüchterung kommt, als ihr klar wird, dass der Beruf Richterin ein Traum für sie bleiben wird. Blinde Menschen dürfen nicht am Kriminalgericht richten. Aber da will die junge Absolventin unbedingt hin. Nachdem sie auch keine Anstellung in einer Rechtsanwaltskanzlei findet, bleibt ihr nur der Weg in die Freiberuflichkeit. Mörder, Vergewaltiger, Dealer werden ihre Kunden. “Es ist toll, in eine Parallelwelt einzutauchen”, spricht sie und lacht. “Man kann am Leben der Mandanten teilnehmen, hat den Ärger aber nicht zu Hause.”

Heute hat sie eine gut gehende Kanzlei und eine Assistentin “die Augen von Frau Pabst”. Gemeinsam gehen sie am Kriminalgericht ein und aus. Auch nach Feierabend lässt sie das Verbrechen nicht los. In ihrer Schublade liegt noch ein Buch. Bislang unveröffentlicht. Ein von ihr geschriebener Kriminalroman.

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By | 2014-04-19T00:45:19+00:00 April 19th, 2014|Beruf & Chance|0 Comments

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