Eine Reise zu den Wunden des Bosnienkriegs

//Eine Reise zu den Wunden des Bosnienkriegs

Eine Reise zu den Wunden des Bosnienkriegs

Die israelische Regisseurin Yael Ronen ist mit teilweise betroffenen Schauspielern zu Stätten des Bosnienkrieges gefahren und hat mit dem Ensemble aus den Erlebnissen und den Erfahrungen einen sehr bewegenden Theaterabend gemacht.

Nicht dass es der Applaus im Maxim-Gorki-Theater an Euphorie fehlen lassen würde, aber man hätte, als er schließlich doch abebbt und die Intendantin des Hauses Shermin Langhoff auf Premierenfeier und Rahmenprogramm hinweist, gern weiter geklatscht, nicht nur um Wohlgefallen, Sympathie oder Dank zu bekunden, sondern einfach um die Schauspieler auf der Bühne festzuhalten. Um ihnen zuzusehen, wie sie einander umarmen, wie sie Tränen vergießen, die Spannung entweichen lassen.

Um zu beobachten, ob die liebe- und konfliktgeladene Geschichte zwischen ihnen weiter geht, ob das mit milder Ironie behauptete utopische Happy End vielleicht doch von Dauer ist. Um zu erfahren, ob sich Wunden schließen können. Dieser Theaterabend der israelischen Regisseurin Yael Ronen und ihrer Schauspieler ist schon wieder vorbei, bevor man überhaupt richtig begriffen hat, woran man da teilhat: Er fühlt sich an wie eine Schelle oder ein Kuss von einem Fremden im Gedränge. Man dreht sich noch einmal nach ihm um, fängt vielleicht noch einen Blick auf − und wird weiter gerissen. Eine kurze, intensive Begegnung, wie auf einem Popkonzert oder auf einem Schlachtfeld.

Freundliche Überrumpelung

Für „Common Ground“ ist Yael Ronen (siehe Porträt BLZ vom 13. März) mit den sieben Schauspielern nach Bosnien gereist, an Stätten des Balkankrieges. Fünf von ihnen haben den Krieg mehr oder weniger direkt miterlebt, sind Kinder dieses Krieges, Kinder von Opfern und Tätern. Diese Reise, fünf Tage dauerte sie nur, war eine durchaus riskante Expedition, eine mutige, von großer gegenseitiger Zuwendung getragene seelische Überrumpelung. Und als freundliche Überrumpelung kann man auch die Inszenierungsweise von Ronen beschreiben.

Die erste halbe Stunde des hundertminütigen Abends fühlt sich an wie eine rasende Panoramafahrt mit der Zeitmaschine. Die Bühne ist mit Holzkisten vollgestellt, die Requisiten bergen, als Möbel oder auch Stadtkulisse fungieren (Bühne: Magda Willi). In wilder, zufällig wirkender Schnittfolge geht es durch die 1990er Jahre: Biografische Szenensplitter, Popsongs und Bilder aus der Zeitgeschichte werden unter die Eckdaten des Bosnienkrieges gemischt. Unverdauliche Zahlen von Toten und Verletzten stehen neben komischen Pubertätsproblemen, dazu flackern − huch! schon wieder historisch gewordene − Fernsehbilder auf. Es stürzt ein scheinbar sinnloser, auf jeden Fall aber völlig uferloser Strom von Ereignissen, Katastrophen, Lappalien und Erlebnissen ins Ungewisse.

Der Abend wird dann ruhiger, aber die Überrumpelung geht weiter. Es gibt schön gesungene Lieder zu hören, Szenen von der Reise werden angespielt, nacherzählt, es wird debattiert. Es braucht jeweils nur zwei, drei Sätze, bis der Konflikt auf einen konkreten Punkt gebracht ist und man tief in der Bredouille sitzt.

Soll ein Kriegsverbrecher das Grab seiner Tochter sehen dürfen?

Der Zufallsstrom des Lebens hat Jasmina Musić und Mateja Meded zusammengespült, zwei Schauspielerinnen, geboren 1988 und 1987, die als Kinder im Bosnienkrieg nach Deutschland gebracht wurden und sich viele Jahre später bei einem Vorsprechen begegnen. Der Vater der ersten war Aufseher in demselben Konzentrationslager, in dem der Vater der zweiten verschwand, also wohl ermordet wurde wie Tausende andere. Nun stehen die Töchter zusammen auf der Bühne und spielen nach, wie sie als Freundinnen stritten, im Hotel Holiday Inn in Sarajevo, dort wo auch die serbischen Belagerer Quartier nahmen: Soll ein Kriegsverbrecher das Grab seiner Tochter sehen dürfen, bevor er nach Den Haag ausgeliefert wird?

Jasmina Musić sagt etwas von Menschlichkeit, die zu bewahren wäre − und sie meint das nicht, weil sie selbst die Tochter eines Täters ist. Aber ist das gerecht, wenn Rasim Meded, Matejas Vater, nicht einmal ein Grab hat? Mit dem Wutausbruch von Mateja Meded platzt Wirklichkeit auf die Bühne.

Und die Reise geht weiter. Die älteste Mitreisende Vernesa Berbo, geboren 1968 in Priboj, erzählt von der Belagerung Sarajevos. Sie besichtigen gemeinsam das Konzentrationslager Omarska, in dem sich jene beiden Väter begegnet sind. Sie besuchen die Menschenrechtlerin Bakira Haseči, die den Mut hat, detailliert von den an ihr und ihrer Tochter begangenen Gräueltaten zu berichten.

Der Schauspieler Dejan Bućin, geboren 1985 in Belgrad, muss mit seinem serbischen Akzent übersetzen und flieht aufs Klo, um zu weinen. Sein Kollege Aleksandar Radenković, 1979 in Novi Sad geboren, beneidet in diesem Moment die Opfer und ertappt sich dabei, wie er die Gewalt der Gegenseite aufrechnen möchte − er war allerdings in Sicherheit in Deutschland, als sein Vater, seine Großeltern, Tanten und Cousins von der Nato mit Bomben beworfen werden. In was für einem Gestrüpp von irrationalen Schuldgefühlen ist er gefangen!

Blick von außen

Die Fünf wären vielleicht auch ohne Niels Bormann und Orit Nahmias, die sie bei ihrer Expedition begleiteten, ausgekommen. Aber die so komische wie beleidigende Karikatur des Deutschen, der es besser weiß, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, und die konfliktroutinierte Israelin, die nach der Reise zum ersten Mal Heimatgefühle entwickelt, weil sie doch nicht zum „abgefucktesten Volk der Welt“ gehört, sie beide helfen dem Zuschauer − und sicher haben sie auch der Regisseurin geholfen − bei aller Identifikation die eigene hilflose Außenperspektive zwischen hysterischer Empathie und analytischer Handlungsstarre selbstironisch zu überprüfen. Diese tragische Hilflosigkeit darf keine Ausrede sein. Weil es vielleicht gar keine Außenperspektive gibt.

Common Ground 12., 13., 14. April, 2. Mai, Maxim-Gorki-Theater, Karten unter Tel.: 20221115

By | 2014-03-16T17:40:05+00:00 March 16th, 2014|Reise|0 Comments

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