EZB-Chef Draghi ist Meister in der Kunst des Nichtstuns

//EZB-Chef Draghi ist Meister in der Kunst des Nichtstuns

EZB-Chef Draghi ist Meister in der Kunst des Nichtstuns

Notenbanker haben ein Privileg. Sie können etwas tun, auch wenn sie nichts tun. “Verbale Intervention”, nennt man das im Fachjargon. Und in dieser Disziplin übte sich Mario Draghi mit großer Entschlossenheit. Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte aus der Zinssitzung des Rates zwar keinerlei neue Maßnahmen mitgebracht, dafür aber deutliche Worte. Und damit diese auch nicht untergingen, wiederholte der Italiener den entscheidenden Satz gleich mehrfach: Der EZB-Rat sei einstimmig entschlossen, auch unkonventionelle Maßnahmen einzusetzen, um mit den Risiken einer zu langen Phase der niedrigen Inflation umzugehen. Einstimmig. Unkonventionell. Draghi konnte diese Worte gar nicht genug betonen.

Die Märkte kauften Draghi die verbale Intervention ab. Obwohl viele Akteure im Vorfeld gefordert hatten, die EZB müsse statt schöner Worte nun handeln, reagierten sie ganz nach den Vorstellungen des EZB-Präsidenten. Der Euro gab insbesondere zum Dollar deutlich nach, Aktien gewannen an Wert und die Renditen der Staatsanleihen und damit die Finanzierungskosten der Länder rutschten weiter. Gefragt waren insbesondere Schuldtitel der Peripherie, so dass die Risikoaufschläge zu Bundesanleihen auf Mehrjahrestiefs fielen. “Super Mario hat erneut bewiesen, dass er ein Wortkünstler ist. Er kann allein mit Sprache Milliarden an den Märkten bewegen”, sagt Ishaq Siddiqi, Stratege beim Finanzdienstleister ETX Capital.

Dass Draghi den Märkten seine Folterinstrumente zeigen würde, die er gegebenenfalls einsetzen könnte, war erwartet worden. Jedoch nicht die Geschlossenheit des 24 Köpfe zählenden EZB-Rates. Denn unkonventionelle Maßnahmen, also Krisenhilfen jenseits der Zinspolitik, sind bei der Europäischen Notenbank seit Jahren ein stetiger Streitpunkt. Zumindest Bundesbank-Präsident Jens Weidmann war regelmäßig dagegen, wenn die Geldschleusen für Banken und Staaten weiter geöffnet wurden. Nun aber konnte sich Draghi auf ein einstimmiges Votum stützen, als er skizzierte, welchen Pfeil die EZB als nächstes aus dem Köcher ziehen könnte. Eine “reichhaltige Diskussion” über verschiedene Optionen habe man geführt, und breiten Raum nahm dabei die Möglichkeit eines groß angelegten Anleihenkaufprogramms ein, in Fachkreisen “Quantitative Easing” oder kurz QE genannt. Genau diese Maßnahme erwarten gerade angelsächsische Investoren und Ökonomen seit langem von der EZB.

All diesen Kritikern musste die EZB etwas bieten angesichts der neuesten Wirtschaftsdaten. Seit Monaten betont die EZB, sie beobachte die extrem niedrigen Inflationsraten in Euroland genau und sei bereit zu reagieren, sobald dies nötig sei. Im März sackte die Teuerung nun noch einmal auf 0,5 Prozent, womit sie noch weiter vom EZB-Zielwert von knapp zwei Prozent entfernt ist.

In welchem Zugzwang die Frankfurter Währungshüter sind, offenbart auch ein Blick auf die Bilanzsummen: Während Japaner und Amerikaner ihre Geldaktivitäten deutlich ausgeweitet, also mehr Geld in die Märkte gepumpt haben, sind sie bei den Europäern geschrumpft. Hätte die EZB darauf gar nicht reagiert, hätte sie sich unglaubwürdig gemacht. Doch da die Mehrheit des Rates offenbar noch immer keine neuen Maßnahmen ergreifen wollte, blieb nur eine Lösung: umso mehr über Maßnahmen reden.

Dabei wurde zwischen den Zeilen jedoch sehr schnell deutlich, dass das Grundproblem der Euro-Geldpolitiker nach wie vor nicht gelöst ist: Theoretisch haben sie viele Optionen, doch praktisch haben alle unschöne Nebenwirkungen. So könnte die Notenbank zwar neue Langfrist-Kredite an Banken vergeben – doch Draghi selbst erklärte, dass dies die lahmende Kreditvergabe nicht in Schwung bringen würde. Und selbst die Erwartungen an die in den USA und Großbritannien weidlich eingesetzten Anleihekäufe dämpfte der EZB-Präsident gleich wieder: “In den USA wirkt sich QE direkt auf die Finanzierung der Unternehmen aus, weil diese sich ihr Geld mehrheitlich am Kapitalmarkt beschaffen.” In Europa dagegen hänge die Wirtschaft stärker von Bankkrediten ab – und deren Konditionen werden nicht unbedingt von Anleihemärkten bestimmt.

Zumal weiterhin unklar ist, welche Wertpapiere die EZB im Fall der Fälle überhaupt kaufen würde. Staatsanleihenkäufe gelten als problematisch, weil sie mit dem Verbot der monetären Staatsfinanzierung kollidieren könnten. Der Markt für Schuldpapiere privater Unternehmen ist dagegen sehr klein. Gerade deshalb dringe die EZB darauf, die Verbriefung von Firmenkrediten zu fördern, sagte Draghi und kündigte eine gemeinsame Initiative mit der Bank of England beim nächsten Treffen desIWF an. Was aber gleichzeitig deutlich machte: Wenn die EZB die Papiere, die sie kaufen will, erst noch kreieren muss – ist dies kein Instrument für eine sofortige Krisenhilfe.

Trotzdem reagierten die Märkte positiv auf Draghis Worte. Hier gilt er als Magier der Worte. Sein Meisterstück hatte Draghi im Juli 2012 abgelegt, als er in einer Rede versprach, alles zu tun, um den Euro zu retten. Er stellte dabei in Aussicht, unbegrenzt Anleihen von angeschlagenen Ländern aufzukaufen. Obwohl die EZB bislang kein einziges Mal aktiv geworden ist, gilt diese Rede als Trendwende in der Euro-Krise. Sichtbar wird dies etwa am Euro Breakup Index des Analysehauses Sentix. Vor der Draghi Rede gaben im Sommer 2012 drei Viertel der befragten Investoren an, dass mindestens ein Land binnen zwölf Monaten aus der Währungsunion ausscheiden würde. Heute liegt die Erwartung eines Euro-Kollapses bei elf Prozent.

Wer am 26. Juli 2012, dem Tag der legendären Draghi-Äußerungen, bei 30jährigen griechischen Staatspapieren eingestiegen ist, hat nach Angaben des Datenanbieters Bloomberg bis heute einen Ertrag von 472 Prozent erzielt. Inzwischen arbeitet Griechenland mit Hochdruck daran, mit eigenen Anleihen an die Märkte zurückzukehren, obwohl das Land vor gerade einmal zwei Jahren die größte Pleite aller Zeiten hingelegt hat. Draghi kann also darauf hoffen, dass allein seine Worte positive Effekte auf den Finanzmärkten anstoßen, die über kurz oder lang auch in der Realwirtschaft ankommen. Für Carsten Brzeski von der ING Diba ist noch nicht ausgemacht, ob das Kalkül des Nichtstuns aufgeht: Ist Draghi ein Zauberer oder doch nur Zauberlehrling?”, fragt er spöttisch: “Die nächsten Wochen werden es zeigen.”

By | 2014-04-04T04:11:51+00:00 April 4th, 2014|Wirtschaft|0 Comments

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