Familien-Reise: Weltreise in der Blechbüchse

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Familien-Reise: Weltreise in der Blechbüchse

Drei Kinder, zwei Erwachsene, ein feuerroter Laster – Familie Praschel ist in drei Jahren durch Usbekistan, Iran und bis nach Mexiko gereist. Ein Auszug aus ihrem Buch von Heike Praschel

Der feuerrote LKW war für fast drei Jahre das Zuhause der Familie Praschel.

Der feuerrote LKW war für fast drei Jahre das Zuhause der Familie Praschel.  |  © Heike Praschel

Kirgistan, Juni 2010, In den Bergen

Bald würde die Sonne untergehen.
 Die schneebedeckten Gipfel waren ihr schon bedenklich nahe und drohten sie jeden Augenblick zu verschlucken. Ohne Tageslicht hatten wir jedoch kaum eine Chance! Ich schaufelte wie besessen, der Motor jaulte auf, noch bevor ich einen Sprung zur Seite machen konnte, begannen sich die Reifen direkt vor mir ruckartig zu drehen, und eine Schlammfontäne ging über mir nieder.

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“Verdammt noch mal!”

Fluchend watete ich aus dem Dreck, fingerte mir einige klebrige Batzen aus den Haaren und knallte die Schaufel vor mir auf den Boden, während der Laster einen kleinen Satz nach vorne machte.

Emma sah mich erschrocken an.
”Was ist denn, Mama, hast du dir wehgetan?”
 “Nein, schon gut!”
Aufseufzend ließ ich mich neben ihr und Paula, die gerade versuchte, Fred ein Büschel Gras in den Mund zu schieben, auf den Boden fallen. Ich war erledigt. Vor Stunden waren wir zu einer Farm in den Bergen aufgebrochen und waren schon nach den ersten Kilometern jämmerlich versumpft. Der Schotterweg, der uns ins Gebirge führen sollte, hatte sich bald in einen schmalen Karrenpfad verwandelt, kaum breiter als unser Mercedes, und der anfangs noch trockene rotbraune Lehmboden war zu einem nicht mehr enden wollenden Meer aus Schlamm mutiert.

Jetzt saßen wir fest, das letzte Stückchen vor einer kleinen Anhöhe hatte unser treues Gefährt einfach nicht mehr geschafft, und während Tom noch im Laster saß und das Unmögliche versuchte, hatte ich schon längst aufgegeben.

Eingekeilt zwischen Felsen und Abgrund drehten sich die Reifen in einer nicht endenden Schleife, immer näher rutschte der LKW an die bröckelnde Kante.

Mit zitternden Fingern strich ich mir die verklebten Haare aus der Stirn, schloss einen Moment die Augen und erinnerte mich, wie wir überhaupt in diese missliche Lage gekommen waren.

Auszug aus dem Buch Heike Praschel: Weltenbummler. Eine Familie bereist dreißig Monate die Welt. ca. 272 Seiten, Malik Verlag

Auszug aus dem Buch Heike Praschel: Weltenbummler. Eine Familie bereist dreißig Monate die Welt. ca. 272 Seiten, Malik Verlag  |  © Malik Verlag

Viele Pässe hatten wir inzwischen überquert, alleine auf dem Weg nach Bischkek hatten wir mehrere Dreitausender hinter uns gelassen. Als wir Sabine, eine deutsche Lehrerin aus dem SOS-Kinderdorf, in der Nähe der kasachischen Botschaft trafen, stand uns die Begeisterung wohl noch ins Gesicht geschrieben. In dem zugewachsenen Garten hinter ihrem Haus hatte sie uns hinter vorgehaltener Hand einen Tipp gegeben, eine Farm in den Bergen, frei laufende Pferde, Stutenmilch und Ruhe.

“Das ist genau das Richtige für euch”, hatte sie gemeint. “Blühende Almwiesen in knapp dreitausend Meter Höhe!” Einige Tage später, nur mit dem Namen einer kleinen Ortschaft am Fuße des Tian Shan und mit dem kasachischen Visum im Pass, machten wir uns frühmorgens erneut auf den Weg in die Berge.
 Den dampfenden Kaffee noch in der Tasse, rumpelten wir über ein kleines Sträßchen, das sich durch ein karges Flusstal schlängelte.

Schroffer Fels bestimmte die Landschaft, hin und wieder unterbrochen von kleinen, mit Gras bedeckten Fleckchen.

[…]

Gedankenverloren betrachtete ich die majestätische Schönheit, bis ich plötzlich eine Veränderung bemerkte.

War der Laster bis jetzt gut vorangekommen, so hatte ich plötzlich das Gefühl, er würde schwimmen.

Schlingernd rutschte er von einer Seite zur anderen, verfehlte haarscharf die Kante in die Tiefe, nur um im nächsten Augenblick fast gegen den Felsen zu prallen. Ich krallte mich in die Polster, dann sah ich den Schlamm. Der ganze Weg schien sich aufgelöst zu haben, eine schmierige rot-braune Schicht überzog den Boden, der die Reifen bis über die Felgenkante schluckte. Unser Laster quälte sich durch das Sumpfmeer, tiefe Spuren hinter sich herziehend.

By | 2014-04-09T04:52:44+00:00 April 9th, 2014|Reise|0 Comments

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