Farbige Offenbarungen zwischen Basar und Moschee

//Farbige Offenbarungen zwischen Basar und Moschee

Farbige Offenbarungen zwischen Basar und Moschee

“Die Sonne von einer finsteren Kraft. Die farbige Klarheit am Lande verheißungsvoll.” Das sind die ersten, durchaus prophetischen Eindrücke, die vor bald 100 Jahren der Maler Paul Klee seinem Tagebuch anvertraute, als er auf dem Schiff “Carthagé” an den Ruinen vorbei in die Bucht von Tunis einlief.

Klee war zusammen mit August Macke und Louis Moilliet von Marseille aus Richtung Tunis aufgebrochen war, wo sie nach eintägiger Schiffsreise ankamen. Die Arbeiten der drei Freunde sollten später den Blick auf Tunesien fast ebenso prägen, wie es einst die Punier und die Römer, die Vandalen, Byzantiner, Araber, Spanier, Osmanen und die Franzosen taten.

“Der Macke spürt das auch. Wir wissen beide, dass wir hier gut arbeiten werden.” So schrieb Klee weiter im Tagebuch – und auch das sollte sich auf wunderbare Weise einlösen. Sie blieben nur zwei Wochen, sahen kaum mehr als Tunis und Umgebung, Hammamet, damals noch ein verschlafener Ort mit einer mittelalterlichen Festung, und Kairouan, die viertheiligste Stadt der islamischen Welt, mit ihrer auf das sechste Jahrhundert zurückgehenden, vor allem als Gelehrtenzentrum bedeutenden Moschee.

Gebäude bilden Liniengeflechte

Die Familienväter Klee und Macke wollten ihren schreienden Kindern entfliehen und neue Inspirationen für ihr Malen finden, Moilliet konnte hier Erinnerungen an seine erste Tunis-Reise 1908 aufleben lassen. Die drei Männer landeten am 7. April 1914 in Tunis an, Klee fuhr schon am 19. wieder ab. Sie hatten aus Platzgründen nur Aquarellkästen dabei, die Ostertage verbrachten sie in einem Vorort von Tunis bei einem Schweizer Arzt, dessen kostenlose Logis einer der Hauptgründe für die Reise gewesen war.

August Macke fotografierte, Klee schrieb Tagebuch, und zusammen fertigten sie dort und in den späteren Jahren etwa 180 Bilder und Zeichnungen, hinterher auch Ölarbeiten, die diese unbeschwert lustigen, arbeitsamen und impressionsreichen Tage zu einem Mythos werden ließen.

Vor und nach ihnen hatten noch viele andere Maler wie Renoir und Matisse den Maghreb bereist, auch Gauguin hatte den Exotismus Tahitis längst entdeckt. Und doch sollte “Die Tunisreise” für die Moderne, ja für die bildende Kunst eine ähnliche Stellung einnehmen wie Goethes “Italienische Reise” für die Literaturgeschichte.

Steht man heute in der Medina von Tunis, der größten, längst als Weltkulturerbe anerkannten Altstadt der arabischen Welt, dann lässt sich das Erweckungserlebnis der drei Maler sofort nachvollziehen. Autos und Leuchtreklamen, auch der international austauschbare Andenkenkitsch entlang der touristischen Trampelpfade sind schnell ausgeblendet.

Doch in den Ecken, wo heute kleine Boutique-Hotels und nette Cafés vor allem auch für den Städtereisenden interessant werden, da ist sofort wieder die Mischung aus Farben und Gerüchen, aus kubistischen Häusern mit holzverzierten Fenstern und Balkonveranden, mit Nägeln beschlagenen Toren, Erkern und Altanen zu erspüren, hinter denen mal eckige, mal runde Minarette hervorschauen. Die Gebäude bilden immer neue Liniengeflechte und Perspektiven.

Schlüsselsatz der Moderne

In schattigen Innenhöfen, aber auch im belebten Basar wird Pfefferminztee serviert, auf einer mit Kacheln und Spitzbögen verzierten Terrasse kann man selbst in der noch milde wärmenden Frühlingssonne sitzen. Nur Stacheldrahtrollen vor den Ministerien erinnern an ein heutiges Land im politischen Umbruch, das inzwischen auch für den Touristen wieder ein sicheres ist.

In der riesigen Zentralmarkthalle aber entfesselt sich ein Ballett der Verführung und Zurschaustellung. Fische mit aufgerissenen, frisch-roten Kiemen werden einem entgegengestreckt, Gewürze locken in Säcken und Tüten. In der Gemüseabteilung scheinen sich die Händler darin zu überbieten, aus Kürbissen und Gurken, Tomaten, Zitronen und Orangen grafisch raffinierte, farblich streng separierte Kunstwerke aufzuschichten.

Nicht weit weg, im französischen Kolonialviertel mit seinen gut erhaltenen, oft auch prachtvoll restaurierten Jugendstil- und Art-déco-Fassaden, liegt das “Grand Hotel de France”, in dem der bessergestellte August Macke logierte. Heute ist es eine einfache, geruhsame Zwei-Sterne-Herberge, in der die Zeit stillzustehen scheint.

Im Hof ist der alte Lift zu bewundern, und irgendwo in der Ecke hängen auch ein paar Aquarelle jener Tage, die auch diesem Haus seinen Moment Unsterblichkeit verliehen haben.

Tagebuchschreiber Klee, der bei seiner Ankunft in Tunis von der “farbigen Klarheit am Lande” fabuliert hatte, jubiliert schließlich gar am Ende der Reise. Er, der sich bisher eher als Zeichner und als Grafiker sah, notiert nun in seinem Journal: “Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiß das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: Ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.” Ein Schlüsselsatz der Moderne. Der freilich noch heute auch Antrieb für die Künstler in Tunesien selbst ist.

Künstler im Schaffensrausch

Es entstehen Bilder, die die Wirklichkeit kubistisch auflösen, die in sicher gesetzten Farbflächen schwelgen, die exotisch und rational zugleich sind und die heute über die Museen der Welt verteilt sind. In Tunis freilich sind das Licht und die Farben bis heute dieselben geblieben. Man kann wunderbar luxuriös in den Vororten am Meer wohnen und durchaus elegant essen.

Man kann aber auch den Golf wie ein Bühnenbild betrachten im Künstlerdorf Sidi Bou Said mit seinen strahlend weißen Häuserkisten, den türkisfarbenen Türen und Fensterrahmen sowie dem berühmtesten Kaffeehaus Nordafrikas: Das nach den Matten in der nahen Moschee benannte “Café des Nattes” hatte August Macke in einem Aquarell unsterblich gemacht.

Am ursprünglichsten ist dieses Tunesien aber noch im 160 Kilometer entfernten Kairouan. Die blau verwaschenen Hauswände im Souk, die Ziegelminarette und die Tore mit ihren römischen Marmorsäulen wirken wie eine riesige Freiluftkulisse, in der sich die Maler mit Impressionen vollsaugten. Beseelt notierte Klee: “Ich selbst bin der Mondaufgang des Südens.”

Wieder zurück in Europa wirft sich besonders August Macke in einen Schaffensrausch, so, als ob er ahnte, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde. Am 1.August 1914 tritt das deutsche Kaiserreich in den Ersten Weltkrieg ein; am 26. September 1914 fällt Macke in Frankreich, gerade mal 27 Jahre alt.

Paul Klee, dessen Vater Deutscher ist und die Mutter Schweizerin, hat mehr Glück. Zwar muss auch er für Deutschland in den Krieg, ein Fronteinsatz bleibt ihm aber erspart. Und Louis Moilliet ist als Schweizer Staatsbürger gar nicht erst involviert. So werden Klee und Moilliet noch Jahrzehnte später Bilder malen, in denen ihr Tunis-Erweckungserlebnis frisch und farbig strahlt.

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom Fremdenverkehrsamt Tunesien. Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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Foto:
Infografik Die Welt

Die Städte in Tunesien, wie beispielsweise Bizerte, sind malerisch. Touristen wagen sich aber noch etwas zögerlich hierher.

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By | 2014-03-23T07:20:41+00:00 March 23rd, 2014|Reise|0 Comments

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