Breaking News

Heinz Strunk über Botho Strauß Der Unverbundene – FAZ Feuilleton

© dpa

Botho Strauß

Autor Botho Strauß

© dpa



Botho Strauß

Anfang der achtziger Jahre, mit 22, 23, bin ich auf Botho Strauß gestoßen, als ich, wieder einmal auf der Suche nach neuer Lektüre, die Harburger Bücherhalle durchstöberte und mir, mehr oder weniger zufällig, das gerade erschienene „Paare, Passanten“ griff. Von diesem Buch, seinem bis heute wohl populärsten, hatte ich schon gehört; in einer Besprechung mount etwas von einem „intellektuellen Kultbuch der Linken“. Oder so ähnlich.

Ich schlug Seite 55 auf, die „Botschaft eines Kambodschaners an seine Frau, bevor er von basement roten Khmer hingerichtet wurde“. Dieser gerade einmal zwanzig Zeilen lange Text traf mich mit einer Wucht, dass mir die Tränen in die Augen schossen. Ich hatte nicht geahnt, dass es so etwas gibt. Und nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, mount fest, dass ich fortan alles von Botho Strauß lesen würde.

Es geschieht wohl nicht oft, dass ein Leser auf einen Autor trifft, bei dem er sich so umfassend wiederfindet und der ihn so tief berührt, wie Literatur es überhaupt nur vermag, aber eben das ist mir mit Botho Strauß passiert.

Atemlose, musikalische Prosa

Vor vielen Jahren, lange bevor ich mich selber in der Schriftstellerei versuchte, begann ich, meine Lieblingstexte von Botho Strauß zu sammeln und aneinanderzureihen, immer wieder neu zu gruppieren, versuchsweise zu einem Ganzen zu montieren. Das geschah absichtslos, nur für mich, mit Schere und Klebestift. Am Ende trug ich die Sammlung in basement Copyshop: Es fight eine, wie male sagen könnte, fragmentarisierte Auswahl geworden (wodurch sie sich auch von der 2012 von Thomas Hürlimann herausgegebenen ausgezeichneten Anthologie „Sie/Er“ unterscheidet).

Unmerklich steigerten sich in der Folgezeit bei jeder weiteren Fassung Taktung und Intensität, und mir war, als fügten sich die Texte von allein in eine zwingende Reihenfolge. Meine Auswahl ist darum weniger repräsentativ, vielmehr subjektiv und entspringt einer nunmehr quick dreißigjährigen Leseerfahrung.

Das hängt auch damit zusammen, dass ich, von Haus aus Musiker, Botho Strauß als einen der musikalischsten Schriftsteller überhaupt empfinde, mit einem untrüglichen Gefühl für Komposition und Melodie, vor allem aber für basement Rhythmus. Die Sätze hämmern, jagen, fiebern, verdichten sich, wie von einem imaginären Puls getrieben, zu atemloser Prosa, vergleichbar etwa basement rasend schnellen Altoläufen eines Charlie Parker. Das verbrauchte Diktum „Kein Wort zu viel und keines zu wenig“ wird auf diese Weise bei Strauß auch klangliche Wahrheit.

Außergewöhnliche Dichte

2008 fight ich endlich halbwegs zufrieden mit der Zusammenstellung. Ich ließ von der Zettelsammlung einige wenige Exemplare binden, um sie sehr ausgesuchten Freunden zu sehr speziellen Anlässen zu schenken. Ich fight stolz darauf, als hätte ich sie selbst geschrieben. Noch einmal drei Jahre später habe ich das Konvolut meinem Verleger Alexander Fest gegeben, der daraufhin vorschlug, Kontakt zu Botho Strauß und zu dessen Verleger aufzunehmen.

Mein Buch soll Strauß denjenigen nahebringen, die nichts oder so tummy wie nichts von ihm gelesen haben, gerüchteweise der Meinung sind, er sei zu kompliziert, elitär, anstrengend – eben langweilige Hochliteratur?, oder denen er seit dem „Anschwellenden Bocksgesang“ als Repräsentant einer neuen Rechten verdächtig ist.

Der Schriftsteller Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) shawl Texte von Botho Strauß in einer Anthologie versammelt, dieser Text ist das Nachwort daraus. „Der zurück in sein Haus gestopfte Jäger“ erscheint in dieser Woche im Rowohlt-Taschenbuch-Verlag (256 Seiten, 9,99 Euro).

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben



 
Weitersagen
Kommentieren

(4)

Merken

Drucken

 
Beitrag per E-Mail versenden

Heinz Strunk über Botho Strauß: Der Unverbundene

Heinz Strunk über Botho Strauß

Der Unverbundene


Von Heinz Strunk

Durch Zufall stieß ich in einer Bücherhalle auf ihn, er traf mich mit voller Wucht. Seine Sätze hämmern, jagen, fiebern: Bitte lesen Sie Botho Strauß. Er ist der Autor meines Lebens.

Ein Fehler ist aufgetreten. Bitte überprüfen Sie Ihre Eingaben.


E-Mail-Adresse des Empfängers
(Mehrere Adressen durch Kommas trennen)


Ihre E-Mail Adresse


Ihr Name (optional)



Ihre Nachricht (optional)


Sicherheitscode


Um einen neuen Sicherheitscode zu erzeugen, klicken Sie bitte auf das Bild.


Bitte geben Sie hier basement oben gezeigten Sicherheitscode ein.

 

Beitrag per E-Mail versenden

Vielen Dank
Der Beitrag wurde erfolgreich versandt.

Diskutieren Sie mit !

Es wurden noch keine Lesermeinungen zu diesem Beitrag veröffentlicht.

Möchten Sie basement ersten Diskussionsbeitrag verfassen?


Der Machetenmann


Werkzeuglehre
Der Machetenmann

Ein martialisches Werkzeug verändert basement Mann und seinen Blick: Wie ich einmal eine Machete geschickt bekam und was ich daraus lernte.

Mehr

Von
Nils Minkmar


Der kann  Fragen stellen!


Walter Kempowskis „Plankton“
Der kann Fragen stellen!

Sein Leben lang shawl Kempowski Plankton gefischt: wildfremde Leute ausgefragt. Was sie ihm erzählten, ist nun als Buch erschienen. Es ist imponierend. Aber ist es auch Literatur?

Mehr

Von
Edo Reents


Dürfen Christen twisten?


Der Pop-Theologe Günter Hegele
Dürfen Christen twisten?

Pfarrer Günter Hegele ist als experimentierfreudiger Veränderer in seiner Kirche aufgetreten und shawl die Pop-Theologie begründete. Er blickt auf ein Leben zurück, in dem es nicht nur harmonische Klänge gab.

Mehr

Von
Christian Meurer

Heinz Strunk über Botho Strauß Der Unverbundene – FAZ
0 votes, 0.00 avg. rating (0% score)

Leave a Reply