Labor für die Zukunft einer Gesellschaft – Tages

//Labor für die Zukunft einer Gesellschaft – Tages

Labor für die Zukunft einer Gesellschaft – Tages

Was diese Jugendlichen erlebt haben und erleben, ist dramatisch, erschütternd, brutal. Da ist zum ­Beispiel B., hoch talentiert, hart­näckig und ­dafür soeben belohnt mit einem Aufgebot in die U-16-Fussballnati. Zu Hause hingegen kümmert er sich um seinen neunjährigen Bruder, die Mutter ist schwer krank und der Vater ­woanders. Den Lehrlingsvertrag, von seinem Fussballclub in Absprache mit der Firma dem Jungen auf den Leib ­geschneidert, vermasselt B., weil er im Gespräch keine Ahnung hat, was die Firma herstellt. Warum – das weiss auch sein Lehrer nicht, B. sei zu ­niedergeschlagen, um darüber zu sprechen.

Da ist G., eine kleine, schmale, energiegeladene Person, die ihre Traumlehrstelle gefunden hat als Malerin. Der Vater sagt ihr ins Gesicht, das werde sie nie im Leben schaffen, und überhaupt, was das für ein Beruf sei; wenn sie die Lehrstelle wirklich antrete, wolle er mit ihr nichts mehr zu tun haben.

Und da ist F., eine sensible 16-Jährige in einem überdimensionierten Körper; auch sie kümmert sich um mehrere jüngere Geschwister, seit ihre Mutter vor einem Jahr gestorben ist – was die Klassenkolleginnen selbstverständlich nicht davon abhält, F. als Trampeltier oder fettes Nilpferd zu titulieren.

Fundamentaler Wandel

B., G. und F. sitzen das 10. Schuljahr ab und hoffen mehr oder minder verzweifelt auf irgendeine berufliche und persönliche Zukunft. Was hat das alles mit dem Projekt Jugendliteraturlabor (Jull) zu tun? Im Schulhausroman, den ich als «Coach» mit dieser 10. Klasse erarbeite, werde ich (einmal mehr) Zeugin einer gewaltigen Metamorphose. Vom Objekt oder sogar Opfer der eigenen, stets von anderen (wie etwa den Lehrpersonen) erzählten Geschichte zu deren Autorin, deren Autor.

Worüber B. zunächst nicht sprechen kann, davon kann er schreiben; ein Prozess der Selbstermächtigung, der jedes Lernziel weit hinter sich lässt – auch wenn (oder eben weil) die dabei entstandenen Texte weder grammatikalisch noch formal oder inhaltlich dem entsprechen, was im Schulaufsatz eine gute Note garantiert. Was wir als Gesellschaft unter Kunst und Literatur verstehen, wie künstlerische Werke produziert, präsentiert und rezipiert werden, das Bild des Schriftstellers, seine Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, die Öffentlichkeit selbst: All das hat sich in den letzten Jahrzehnten fundamental gewandelt.

Stich ins Wespennest

Ein paar weitere Stichworte dazu müssen hier genügen: die allmähliche Auflösung der Unterscheidung von Hochkultur und Mainstream, von Urheberin und Konsument, von Kunst als Profession vs. Kunstmachen als Freizeitbeschäftigung, die Verlagerung vom «grossen» Roman, der für sich allein bestehen und gelesen werden kann, hin zur Liveperformance eines Autors, die steigende Anzahl produzierter Titel, die als einzelne an Bedeutung verlieren, während ihre formale und inhaltliche Diversität zunimmt, das Wegbrechen differenzierter Kritik zugunsten einer Vielfalt von Meinungen et cetera.

Ein Ende dieser Entwicklungen ist nicht abzusehen. Das mag Exponenten der Literaturszene und ihrer Institutionen irritieren, ärgern oder zuweilen gar deprimieren. Es ist aber eine Tatsache, der wir als Gesellschaft am besten Rechnung tragen, indem wir das Potenzial, das in diesen Veränderungen liegt, als Chance begreifen.

Das Projekt Jull sticht genau in dieses Wespennest – das wir nicht beseitigen, in dem wir es ignorieren. Im Gegenteil. Die Zukunft der Kunst, und damit auch der Literatur, liegt immer in dem, was die nächste Generation mit ihr und aus ihr macht, wie heute junge Menschen, wie B., G. und F. ihre Realität gestaltend formen, ihre je spezifischen Erfahrungen mit ihren Mitteln zur Sprache bringen – und damit den Spielraum ihrer Möglichkeiten erweitern.

Im Jull soll kein Einwegtransfer ­stattfinden, wo «gestandene Autoren» ihr Know-how an sprachlich defizitäre «Jugendliche mit Migrationshintergrund» vermitteln; der Transfer läuft in beide Richtungen, und das Jull als öffentlich zugänglicher Ort könnte zu einem Kompetenzzentrum werden, nicht nur für die Zukunft der Literatur, sondern als Labor für die Zukunft einer Gesellschaft, an der alle partizipieren, die hier leben, ob es uns nun passt oder nicht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.04.2014, 23:30 Uhr)

By | 2014-04-03T02:35:20+00:00 April 3rd, 2014|Gesellschaft|0 Comments

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