Max Weber: Die Gesellschaft als Ganzes

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Max Weber: Die Gesellschaft als Ganzes

Die Gesellschaft als Ganzes

Dieses Buch ist keine Biographie über Max Weber. Es ist ein Prüfbericht. Es legt sich Werk und Leben samt der Wirkungen Webers vor und klopft sie darauf ab, was daraus zu lernen ist (ziemlich viel). Es examiniert Webers Thesen, um herauszubringen, was sie zu seinen Lebzeiten taugten und inwiefern sie helfen, unsere Gegenwart zu begreifen (weniger). Und es ist, vor allem, ein Porträt einer Zeit, in der das Bürgertum die höchsten Hoffnungen weckte und größten Enttäuschungen erlebte. „Ein Leben zwischen den Epochen“ heißt dieses Buch im Untertitel. Sein Thema: ein bürgerliches Gelehrtenleben, eine exemplarische Biographie in Umbruchzeiten.

Von einer Lebensbeschreibung darf man erwarten, dass sie zentrale Ereignisse und Erfahrungen einer Biographie nachzeichnet. Die einschneidenden Begegnungen, die wegweisenden Konflikte. Auch davon erzählt Jürgen Kaube, Soziologe von Beruf und Feuilletonredakteur der FAZ. Berichtet also von der Berliner Jugend Webers und dem irren Lern- und Lesepensum, das er sich verordnete; von den aufreibenden Heidelberger Professorenjahren, von Ausflügen in die Politik, von seiner Nervenkrankheit, seiner Ehe.

Aber es ist nicht vordergründig das, was Kaube interessiert. Dass er mit seinem Buch zudem einen Buchmarkt beliefert, der sich seine Themen von äußerlichen Aufmerksamkeitsverstärkern diktieren lässt, in diesem Fall von Webers 150. Geburtstag am 21. April, nimmt er zähneknirschend in Kauf.

Kaubes Schrift, die für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, will mehr sein als ein braves Geburtstagsständchen. Sie will den „Charakter“ der Zeit treffen, in der Webers Leben fällt. „In ihr wird unabweisbar“, schreibt Kaube, „dass die Welt eine Welt ist. Es trägt sich in ihr zu, was wir heute ‚Globalisierung‘ nennen und irrtümlicherweise für etwas ganz Neues halten.“

Ein Land der Industrialisierung

1864 wird Max Weber in Erfurt geboren, in Bayern wird in diesem Jahr Ludwig II. achtzehnjährig zum König gekrönt; im Juni 1920 stirbt Weber in jenem München, wo vier Monate zuvor die NSDAP gegründet worden ist. Aus der Agrarnation Deutschland war während Webers Lebenszeit ein Land der, wie er sagte, „eisernen“ Industrialisierung geworden. Als Weber geboren wurde, lebten 37 Millionen auf dem Gebiet, das kurz darauf Deutsches Reich heißen wird. Als er stirbt, sind es 62 Millionen, trotz der Verluste im Ersten Weltkrieg, den Max Weber „groß und wunderbar“ nannte.

Um diese Zeit eines epochalen Wandels zu verstehen, lohnt die Auseinandersetzung mit Weber, sagt Kaube, „weil er sich mit fast allen diesen Ereignissen und Veränderungen befasst hat“. Also befasst sich auch Kaube mit ihnen. Mal nimmt er dabei Weber als Folie, die zum Verständnis der Zeitumstände helfen soll; mal benutzt er, andersherum, die Weberschen Schriften, um mit ihnen den Epochenwandel zu lesen.

Es ist dieser freie, essayistische Blick, der Kaubes Buch Distanz zu seinem Gegenstand verschafft, einem Gelehrten, der bis heute in jedes Studium der Geisteswissenschaften gehört. Wenn Kaube über Webers berühmteste, erst 1934 auf Deutsch erschienene Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ zu sprechen kommt, hat er keine Nöte, sie als „merkwürdig“ und oft genug widerlegt darzustellen – und doch zu würdigen, weil Weber hier noch immer „lebendige“ Fragen nach der Durchsetzungskraft, den Ursprüngen und Motiven des Kapitalismus stellt.

Wenn er das kinderlose Ehepaar Weber 1904 auf einer Amerikareise begleitet (21 Städte und 13 Bundesstaaten in 82 Tagen), kann Kaube sehr anschaulich schildern, wie sie Weber zum Überdenken seiner ethnischen Rassenlehre veranlasste – und warum er irritierenderweise danach dennoch immer wieder den Rassenbegriff ins Spiel bringt.

Mangel an Differenzierungswillen wird man Kaube nicht nachweisen können. Dass hier einer mit den spitzen Werkzeugen des Feuilletonisten umzugehen weiß, der sich etwa die garstige Bemerkung nicht verkneifen kann, dass aus der „Protestantischen Ethik“ auch die zitieren, die keinen Satz davon gelesen haben – nur Humorabstinenzler wird es ärgern. Zumal Kaube ja Recht hat: Gerade Weber wurde und wird für die verschiedensten wissenschaftlichen Absichten oft genug zurechtgebogen. Man kann aus Kaubes Buch auch lernen, wie Weber zum Klassiker werden konnte: Er stellte sich eine bleibende Aufgabe, nämlich „die Gesellschaft als Ganzes analytisch zu beschreiben“.

Max Weber als ungeschöntes Ganzes zu beschreiben: Das wiederum versucht dieses Buch. Es hat sich gelohnt.

By | 2014-03-08T23:14:27+00:00 March 7th, 2014|Gesellschaft|0 Comments

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