Reise in den Untergrund

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Reise in den Untergrund

Der Weg führt abwärts. Durch unterirdische Gänge, vorbei an Bunkern und Höhlen bis ins Kanalsystem – und manchmal bis in die Tiefe menschlicher Alpträume hinab. Der Raum unter der Erde hat Künstler von jeher fasziniert. Das betrifft Schriftsteller wie Nietzsche und Kafka, aber auch die bildende Kunst. Und so hätten Marion Ackermann und ihr Team vermutlich ein halbes Viertel mit Werken bestücken können, „wir hätten 10 000 Quadratmeter gefüllt“, schmunzelte die Direktorin der Kunstsammlung. Indes, man musste sich beschränken, auf rund ein Dutzend Künstler, die jetzt unter dem Titel „Unter der Erde“ im K21 zu sehen sind. Passenderweise in den Räumen im Tiefgeschoss.

Eine spannende Reise in den Untergrund ist dabei herausgekommen, einer der besten Beiträge zur Quadriennale, wobei die Ausstellung einerseits künstlerische Positionen bündelt, aber auch Literatur bereit hält. Die Audio-Guides wurden mit acht Texten bespielt, passend zu den Exponaten. Außerdem erhalten die Besucher eine Ausgabe von Kafkas unvollendetem Werk „Der Bau“. Wem das noch nicht genug Tiefen-Wirkung ist, dem sei ein spezieller Stadtplan empfohlen, den das Museum extra anfertigen ließ: eine Topografie des Düsseldorfer Untergrunds, vom U-Bahnnetz bis zu den Bunkern. Auch ihn erhalten Besucher gratis.

Im Mittelpunkt stehen aber die Arbeiten, die sich auf eine ganze Palette Begriffe beziehen, die man mit dem Reich unter der Erde verbindet. Geheimnis, Schutz und Geborgenheit, aber auch Gefängnis und Grab.

Die perfekte Höhle

Thomas Demand erwies sich als Schöpfer. Er präsentiert die perfekte Höhle. Allerdings ist seine „Grotte“ reiner Fake. Der Computer schuf sie aus rund 900 000 Einzelelementen – ausgeschnitten und neu zusammengesetzt. Daneben fällt der Blick auf Max Ernsts knorrige Bäume („Les peupliers“, „Le fascinant Cyprés“), versteinerte Landschaften, die ebenso eine Tropfsteinhöhle bilden könnten.

Verbindend wirkt das Thema ohnehin. Da sieht man Bruce Naumans „Tunnelmodelle“, als Riesenobjekt und als Zeichnung. Im Raum nebenan: Thomas Schütte, der seine Bunker in den frühen 80ern, der Zeit des Kalten Krieges, entwarf. Seine Evakuierungsorte tragen die Form von Körperöffnungen; sie verorten den Schutzraum im Innern. Daneben hängen „Skizzen zur Evakuierung“ mit Schütte-Kommentaren: „Viel Glück“, „Bis bald“ , „Auf Wiedersehen“. Klingt tröstlich. Tieftraurig dagegen die Werke, auf denen Henry Moore als Kriegskorrespondent die Einwohner Londons zeichnete, die 1941 in U-Bahn-Schächten Schutz vor den Bomben suchten.

Nichts Gutes verheißt Gregor Schneiders „Kinderzimmer“. Keine Spur von Geborgenheit. Der Besucher kann es nur durch ein Abflussrohr betreten, im Innern empfängt ihn eine klaustrophobisch-kleine, fensterlose Zelle mit Spiegel und pinkfarbener Matratze. Kein Entkommen, nirgends.

Eine Installation schuf Martin Kippenberger. Er schickt einen Mann, ein Selbstporträt, auf einem Elektromobil auf eine psychedelische Reise. Am Ende der Straße steht man in einem Wald aus kahlen Stämmen – auf dem Boden Pillen und Kapseln. (Titel: „Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald“). Christoph Büchel stellt einen hohlen Felsklumpen mit Leiter ins Museum – inspiriert durch das Erdloch, in dem der ehemalige irakische Diktator Saddam Hussein hockte, als er 2003 gefunden wurde.

Tour durch die Kanäle

Peter Fischli und David Weiss schließlich bitten zur Reise in den Untergrund. Sie präsentieren eine rasante, 60-minütige Videofahrt durch einen Abwasserkanal – gedreht in Zürich aus Inspektionsgründen und später dann von den Künstlern beschnitten. Sie kappten dem Kanal alle Kurven und Windungen, jetzt führt die Tour stur geradeaus. Wer hätte das gedacht. Der Untergrund kann sogar meditativ sein.

Petra Kuiper

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By | 2014-04-06T01:13:00+00:00 April 6th, 2014|Reise|0 Comments

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