Serie: Christen in Indien: Indien – Reise ins Land der Widersprüche

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Serie: Christen in Indien: Indien – Reise ins Land der Widersprüche

Es ist kalt in Indien. Schon am Morgen steht Smog über der Hauptstadt Delhi. Er lässt den Blick in der Ferne verebben, mischt Rußgeruch in die Luft. Alles ist grobkörnig in diesem Dunst, die Fassaden mit den verwitterten Farben, an denen Kabel hängen wie Lianen, die Bäume mit Blättern, die aschgrau sind vom Staub. Delhi mit seinen elf Millionen Einwohnern wirkt konturlos in diesem Nebel, als wolle die Stadt sich nicht zu erkennen geben.

Doch dann wird der Ankömmling bestürmt von dieser Fülle an Farben, Gerüchen, Geräuschen. Da sind die Frauen in ihren roten, pinken, smaragdgrünen Saris, in denen goldene Stickereien schimmern. Der Stoff umhüllt ihre Körper weich, macht den Gang gerade, die Schritte klein, holt etwas von vergangenen Zeiten ins moderne Stadtbild. Und wenn die Frauen in den gewickelten Kleidern sich seitlich auf ein Motorrad setzen, sich am Fahrer festhalten und der Fahrtwind in den Stoff greift, dann flattert die Farbe im Wind. Daneben drängeln grün-gelb lackierte Motor-Rikschas durch den Verkehr. Sie hupen unablässig mit hohem Quengelton und schieben sich in kleinste Lücken. Am Straßenrand verkaufen Händler Orangen, Äpfel, Guaven. Auf ihren Holzkarren haben sie das Obst zu Pyramiden gestapelt, Trauben zu Bergen gehäuft, kurze Bananen ordentlich geschichtet. Wie üppig gedeckte Tische säumen die Karren den Straßenrand, und dahinter stehen die Verkäufer mit ihren hageren Körpern und knorrigen Gesichtern. Gestalten, die sich das Obst, das sie verkaufen, nicht leisten können.

Indien ist das Land der Unvereinbarkeiten. Das Land der romantischen Sehnsüchte und schrecklichen Nachrichten. Gerade sind noch die Schriftsteller, Musiker, Aussteiger dorthin gepilgert, um im heiligen Land der Hippies Erleuchtung zu finden. Heute ist von entsetzlichen Vergewaltigungen zu berichten, von Zugbränden, kollabierenden Häusern, von Hunger, Krankheit, Fanatismus, von armen Straßenkindern, reichen Bollywoodstars und Weltraum-Vorhaben, die eine heterogene Nation ins Weltbewusstsein beamen sollen.

In Indien lässt sich studieren, wie eine Demokratie mit Spannungen zwischen sozialen Klassen und religiösen Gruppen ringt, wie sie ein rigides Kastensystem und wuchernde Korruption zu überwinden versucht – und mit vielem scheitert. Indien kämpft mit den Folgen der Überbevölkerung, kommt nicht nach mit dem Ausbau des Bildungs- und Gesundheitssystems, schafft es nicht, Hygienestandards selbstverständlich zu machen. Von 1000 geborenen Kindern sterben im Schnitt 43 noch vor ihrem ersten Geburtstag.

Das alles ist wahr. Und es ist nicht wahr, wenn man es schon für die ganze Wahrheit hält.

Vielleicht ist es darum an der Zeit, einmal wieder mit dem Maßstab des Einzelnen aus Indien zu berichten – mit der Haltung des Reisenden in einem widersprüchlichen Land. Denn wer reist, gibt Gewissheiten auf. Er räumt den Ort in der Welt, an dem er sich verstanden fühlt und den er zu verstehen glaubt. Den Ort, an dem er sich nicht als zufällig empfindet. Wer diese Zugehörigkeit für eine Weile hinter sich lässt, wird empfänglich für die Wahrheiten der Fremde. Ein Reisender kann ausziehen, etwas über das Land Indien zu lernen und wird mit Lehren über das Leben heimkehren.

Von beidem soll in unserer neuen Serie die Rede sein: vom Land Indien mit seinen 1,2 Milliarden Bewohnern, den Mega-Städten wie Delhi, Mumbai oder Kolkata, den Dörfern in armen Bundesstaaten wie Uttar Pradesh, Jharkhand oder Bihar, vom Umgang mit Minderheiten wie den Ureinwohnern, den Adivasi, vom Miteinander der Religionen und wie es manchmal misslingt. Doch vor allem werden Geschichten von Menschen zu lesen sein. Ihr Zutrauen in den Lauf des Lebens, ihre Achtsamkeit in der Begegnung mit anderen, ihr Verhältnis zu allem, was das eigene Bewusstsein übersteigt, unterscheidet sich vollkommen vom individualistischen, kausalen, konsumorientierten Denken in Westeuropa. Und es ist heilsam, das eigene Denken einmal fraglich zu finden.

Man kann in Indien viel Kraft verlieren, weil der Verkehr mörderisch und Hygiene Luxus ist, weil der Strom manchmal ausfällt und Fremde auf der Straße nie unbeachtet bleiben, weil das Klima extrem ist und außerhalb der eigenen vier Wände Rücksicht als Schwäche gilt. Reisen in Indien ist anstrengend und manchmal gefährlich.

Doch genauso kann man Kraft schöpfen aus Begegnungen mit Menschen, wie dem Dominikaner-Pater Justin, der in einem Dorf in Uttar Pradesh versucht, armen Kindern Englisch beizubringen, damit sie ein anderes Leben als das von der Hand in den Mund für möglich halten. Oder dem Jesuiten-Pater Robert, der im armen Bundesstaat Bihar einen Wald gepflanzt hat, um für Umweltschutz zu werben. Oder mit den Kohlekumpeln in Jharkhand, die für ein paar Rupees in illegalen Minen ihr Leben riskieren, und den besten Reis mit Dal servieren, wenn Gäste ihr Dorf besuchen. Indien ist ein lehrreiches, ein liebenswürdiges Land, wenn man seinen Bewohnern achtsam begegnet.

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By | 2014-04-06T01:13:05+00:00 April 6th, 2014|Reise|0 Comments

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