Urs Widmer Auch die allerletzte Reise führt nach innen

//Urs Widmer Auch die allerletzte Reise führt nach innen

Urs Widmer Auch die allerletzte Reise führt nach innen

Vor fünf Jahren ging Urs Widmer mit dem Tod eine Wette ein. “Gestern bin ich vierundneunzig Jahre alt geworden”, so hebt in seinem Roman “Herr Adamson” der Erzähler an, der mit Widmer mehr als nur das Geburtsjahr 1938 teilt. Zur Feier sind alle seine Lieben versammelt, die Frau, die Tochter, die längst erwachsene Enkelin Anni und die beiden Buben, die Urenkel. Der Kuchen quillt über von Kerzen: “Hundert darfst du aber nicht werden, Papa. Mehr Kerzen schaff ich nicht.”

Und nachdem die Geschenke ausgepackt sind – unter anderem ein “miniaturkleines Boot, ein Nachen, in dessen Heck ein schwarzer Fährmann mit einem Ruder in den Händen stand”, und ein Lebkuchenherz mit der Aufschrift “Gute Reise” –, da erinnert sich der Erzähler an seine lange zurückliegende Begegnung mit einem Herrn Adamson, einem Boten aus dem Jenseits, an dessen Seite er als Kind wilde Abenteuer zu bestehen hatte und sogar zu einer Fahrt in die Unterwelt aufbrach.

Der Roman spielt im Jahr 2032. Der Schweizer Schriftsteller hat sich darin also einfach selbst rund zwei Jahrzehnte weitere Lebenszeit dazugedichtet – der listige Trick eines virtuosen Erzählzauberers, in dessen Prosa nichts unmöglich ist. Widmers besondere Mischung aus surreal-magischem Realismus, experimentellen Traditionen und einem scheinbar naiven, postmodernen Fabulieren zwang den Leser stets dazu, auf Überraschungen gefasst zu sein und das Außerordentlichste und Fantastischste als Normalität zu akzeptieren.

Noch ein Abschiedsbuch

Als ich Urs Widmer vor seinem 75. Geburtstag im seinem urigen Arbeitsdomizil in der Züricher Kasinostraße besuchte, war er auf seine verschmitzte und doch ganz erste Weise stolz auf sein ironisches Spiel mit dem Sensenmann. Zwanzig Jahre, so sagte ich dann, das klinge in meinem Alter sehr lange. “Für mich noch viel mehr”, so er darauf, “mit zwanzig Jahren rechnest du einfach nicht mehr. Du weißt, das kann’s nicht sein. Das ist eine diffuse Mischhoffnung. Du weißt, dass es kurz ist, und gleichzeitig ist es auch Wurst.” Er halte sich an Claudio Abbado, der noch älter sei und dennoch Termine für 2018 mache: “Der sagt sich ganz einfach: Wenn ich tot sein sollte, halte ich sie halt nicht ein.”

Claudio Abbado ist im Januar dieses Jahres gestorben. Urs Widmer veröffentlichte im vergangenen Herbst seine Autobiografie “Reise an den Rand des Universums”, mir der er an seine beiden erfolgreichen autobiografischen Romane “Der Geliebte der Mutter” und “Das Buch des Vaters” vom Anfang der Nullerjahre anknüpfte. Wie “Herr Adamson” war auch die “Reise” ein allerletztes Buch, ein Abschiedswerk. Der Zeitraum umfasst die ersten dreißig Lebensjahre, aber eine Fortsetzung war nicht geplant. “Es herrscht das Schreibgefühl, dass es dahinter kein Buch mehr gibt”, sagte er. Aber auch das meinte er natürlich nur halb ernst.

Seine eigene Lebensgeschichte hatte Widmer immer schon Motive und Themen geliefert. Aufgewachsen unmittelbar an der deutschen Grenze bei Basel war der Krieg in nächster Nähe ein Kindheitstrauma – schon das ungewöhnlich für einen Schweizer. In der “Reise” erinnert sich Widmer an den Tag, an dem der Vater, der bekannte Übersetzer Walter Widmer, dem Achtjährigen kommentarlos Fotos von Auschwitz zeigte. Die Erfahrung der Brüchigkeit unseres Alltagslebens hat Widmer tief geprägt, daher die vielen doppelten Böden oder geheimen Türen, die aus unserer Welt hinaus in ein ganz nahes Paralleluniversum führen, mag es nun ein seltsames Jenseits sein oder das Reich der eigenen Erinnerung.

Die Mauselöcher der Idylle

“Der blaue Siphon” von 1992 zum Beispiel, eine makellose Novelle und eines von Widmers besten Werken, ist oberflächlich betrachtet eine Kindheitsidylle und ein Gedankenspiel vor dem Hintergrund des drohenden Einmarschs der Deutschen. Hier ist ein Kino der Fluchtort in eine andere Welt, wie ein Mauseloch, in dem man sich vor dem Unheil retten kann. Film und Literatur als Zeitmaschinen, die Realität als bloße Kulisse, hinter der andere, höhere Wahrheiten warten – das sind romantische Motive in einem Werk, das zugleich die Schrecken des zwanzigsten (und einundzwanzigsten) Jahrhunderts immer gegenwärtig hält.

Etwa auch die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, deren Grauen die dunkle Folie im Roman “Der Kongress des Paläolepidopterologen” von 1989 bildet, oder die ökologischen Katastrophen unsere Zeit. Urs Widmer war ein Apokalyptiker, der für seine Figuren aber stets das Hintertürchen der Rettung offenließ. Ein hoffnungsvoller Schwarzseher. Ein ungläubiger Utopist.

Natürlich war Widmer auch ein poeta doctus, der in seinen Poetikvorlesungen den großen Vorbildern die gebührende Reverenz erwiesen hat. Seine germanistische Dissertation von 1965 über “1945 und die ‘Neue Sprache”‘ entwickelte die These, dass der Nationalsozialismus durch seine Pervertierung der Sprache den deutschen Schriftstellern die Grundlage für ein einfaches “Weiter so” entzogen habe. Vor Grass’ “Blechtrommel” hielt Widmer die Werke der Fünfzigerjahre schlicht für unbrauchbar, woraus sich auch die große Bedeutung der gewissermaßen “unbeschädigten” Schweizer wie Frisch und Dürrenmatt erklären ließ.

Widmer, der 1968 mit der Erzählung “Alois” debütierte, wurde entscheidend von den Neuerern um das “Forum Stadtpark” und Alfred Kolleritschs “manuskripte” in Graz geprägt, einer Schule, durch die auch der junge Handke, Gert Jonke oder Elfriede Jelinek gegangen waren. Mit Traditionen wurde hier gnadenlos aufgeräumt; die Gruppe 47 nahm man hier lange nicht mehr für voll.

Komik und Abgrundschwärze

Dass Widmer dennoch – zu seinem Leidwesen – lange unter Harmlosigkeitsverdacht stand, mochte seinem Habitus geschuldet sein, der Mischung aus schweizerischer Sprachfärbung und dem trügerischen Märchenton seiner Prosa. Dabei hätte man schon spätestens seit seinem Bühnenerfolg “Top Dogs” von 1996 wissen können, wie sehr Widmer unserer Zeit auf den Leib rücken konnte – war das Bühnenstück doch eine frühe und aus heutiger Sicht fast prophetische Abrechnung mit der Kaste erfolgsvergötternder Manager-Workaholics.

Aber auch wenn man Widmers schaurig-groteske Nacherzählungen von Shakespeares Königsdramen liest, bleibt nichts vom Ohrensesseltum übrig. Als vorlesender Interpret seiner eigenen Werke war Widmer ohnehin ein Meister, weil hier das Komische und das Abgrundtiefschwarze in grandioser Balance gehalten wurden – Urs Widmers besondere Form erzählerischer Äquilibristik.

Dass der Witz eine Beziehung zum Unbewussten hat, das Lachen eine Abwehr innerer Dämonen sein kann, wusste kaum jemand so gut wie Widmer, was sich sogar räumlich manifestierte: Direkt unter seinem winzigen Arbeitszimmer in der Kasinostraße betreibt seine Frau eine psychoanalytische Praxis. Die vielen Reisen in diesem Werk, von der frühen “Forschungsreise” über “Im Kongo” bis eben zur Autobiografie, sind immer Expeditionen ins Innere.

Die Fantasie als Triebkraft

In seiner Frankfurter Poetikvorlesung “Vom Leben, vom Tod und vom Übrigen auch dies und das” analysiert Widmer die Fantasie als Triebkraft des Schriftstellers, eine Fantasie allerdings, die aus Summe aller, auch der beiläufigsten und dunkelsten Erfahrungen entspringt. Im Wissen, dass “es” aus uns schreibt, liegen die surrealistischen Wurzeln dieses Werks, das das Gegenteil einer ungeordneten Bildermasse ist. Wie unsere Träume, Lüste und Ängste virtuos in eine strenge Form gebannt werden können, wird in Widmers besten Erzählungen vorgeführt. Das künstlerische Gelingen ist die einzige Form, in der Menschen das Glück festhalten können – und somit immer schon ein trotziger Sieg über den Tod.

Die ganze Geschichte des “Herrn Adamson” hat der Erzähler für seine Enkelin auf einen Rekorder gesprochen. Es ist ein tröstliches Märchen mit der Moral, dass der Tod nicht das Ende ist. Auf der letzten Seite dann sagt der Jenseitsbote zum Erzähler: “Wir sollten allmählich.”

Als ich Urs Widmer fragte, was denn nach dem allerletzten Buch kommen kann, antwortete er: “Die heimliche Hoffnung ist natürlich, dass ich damit auch eine Mauer durchbreche und niederreiße. Und siehe da, hintendran ist eine wunderschöne Ebene, auf der ich unbelastet in ganz neues Gebiet wandern kann. Dann schreibe ich vielleicht – ich habe wirklich keine Ahnung, ich improvisiere jetzt vor Ihren Ohren – ‘1003 Nächte in Indien’.” Am vergangenen Mittwoch ist Urs Widmer im Alter von 75 Jahren in Zürich gestorben.

Ideal für Einsteiger: Die besten Werke Urs Widmers sind fast alle nicht besonders umfangreich, die Novelle „Der blaue Siphon“ etwa oder das Erinnerungsbuch „Der Geliebte der Mutter“. Wie großartig Widmer gerade in der kleinen Form war, kann man an seinen „Gesammelten Erzählungen“ (Diogenes, 768 S., 14,90 Euro) studieren. Manches davon ist zuerst als eigenes Büchlein erschienen, angefangen vom Debüt „Alois“ aus dem Jahr 1968 bis zum Siebzigerjahre-Porträt „Indianersommer“. Höchst erstaunlich, wie früh Widmer seinen unverwechselbaren Ton zwischen Autobiografie, Fantastik und literarischem Spiel gefunden und immer weiterentwickelt hat, ohne sich je dabei zu wiederholen.
Foto: Verlag

Ideal für Einsteiger: Die besten Werke Urs Widmers sind fast alle nicht besonders umfangreich, die Novelle “Der blaue Siphon” etwa oder das Erinnerungsbuch “Der Geliebte der Mutter”. Wie großartig Widmer gerade in der kleinen Form war, kann man an seinen “Gesammelten Erzählungen” (Diogenes, 768 S., 14,90 Euro) studieren. Manches davon ist zuerst als eigenes Büchlein erschienen, angefangen vom Debüt “Alois” aus dem Jahr 1968 bis zum Siebzigerjahre-Porträt “Indianersommer”. Höchst erstaunlich, wie früh Widmer seinen unverwechselbaren Ton zwischen Autobiografie, Fantastik und literarischem Spiel gefunden und immer weiterentwickelt hat, ohne sich je dabei zu wiederholen.

By | 2014-04-04T04:09:44+00:00 April 4th, 2014|Reise|0 Comments

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