Wie Juden in Frankfurt leben, was sie bewegt und was ihnen ihr Jüdischsein bedeutet

//Wie Juden in Frankfurt leben, was sie bewegt und was ihnen ihr Jüdischsein bedeutet

Wie Juden in Frankfurt leben, was sie bewegt und was ihnen ihr Jüdischsein bedeutet

Frankfurt. 

Bis zur Herrschaft der Nationalsozialisten und der groen Judenverfolgung in Deutschland war jdisches Leben in Frankfurt berall im Alltag lebendig. Mit dem Schreckensregiment der Nazis in Deutschland und der Ermordung von sechs Millionen europischen Juden kam der groe zivilisatorische Bruch. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg (1939–1945) begann mit der Befreiung von der Diktatur auch der vorsichtige Wiederaufbau jdischer Kultur in der Stadt.

Frankfurter Juden: Der Journalist Ludwig Börne (1786Bild-Zoom

Frankfurter Juden: Der Journalist Ludwig Brne (17861837) . . .

Inzwischen jedoch macht sich eine neue Judenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft bemerkbar, unter anderem durch Einwanderer aus muslimischen Lndern, die in den Nahost-Konflikt verwickelt sind. Sie bedroht das gerade mhsam wieder Erreichte. Anlass, jdischem Leben in Frankfurt und der Region nachzuspren. Was bewegt Jdinnen und Juden, die heute hier leben? Woran arbeiten sie? Was bedeutet ihnen das Jdischsein? In einer Serie stellen wir in den kommenden Wochen in loser Folge Menschen aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Religion vor. Aber was heit jdisches Leben in Frankfurt berhaupt?

Geschlossenes Viertel

Frankfurt sei die jdischste Stadt Deutschlands, pflegt Oberbrgermeister Peter Feldmann (SPD) bei ffentlichen Anlssen gern zu sagen. Dieser Ausspruch mag plakativ sein, falsch ist er nicht. Zum Beispiel die Goethe-Universitt: Ihre Grndung im Jahr 1914 ging mageblich auf das Engagement jdischer Brger zurck. Die „Frankfurter Zeitung“, die liberale Vorluferin der „F.A.Z.“ und der „Frankfurter Neuen Presse“, wurde vom jdischen Journalisten, Verleger und Politiker Leopold Sonnemann (1831–1909) mitbegrndet. Nach 1945 machten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno die Frankfurter Universitt zu einem Zentrum der Kritischen Theorie. Auch der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wirkte am lngsten und erfolgreichsten von Frankfurt aus.

. . . . und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (1920Bild-Zoom

Foto: Boris Roessler (dpa)

. . . . und Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki (19202013).

Die Geschichte der jdischen Gemeinde reicht indes bis ins 12. Jahrhundert zurck, als die Frankfurter Juden erstmals urkundlich erwhnt wurden. 1462 entstand auerhalb der damaligen Stadtmauer die Judengasse, die gemeinhin als das erste europische Ghetto, also als geschlossenes jdisches Viertel, gilt. Die Judengasse spannte sich von der heutigen Konstablerwache bis fast zum Main. Sie war komplett von Mauern umgeben und hatte drei Tore, die nachts sowie an Sonn- und Feiertagen geschlossen blieben. Gleichwohl konnten ihre Bewohner am stdtischen Geschftsleben teilnehmen. In der beengten Judengasse lebten im 18. Jahrhundert etwa 3000 Menschen. Auch der Journalist und Kritiker Ludwig Brne (1786–1837) wurde dort geboren. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Judengasse abgerissen. Seit 1864 waren die Frankfurter Juden rechtlich gleichgestellt. Heute erzhlt das auf dem Gebiet des ehemaligen Ghettos erbaute Museum Judengasse vom jdischen Alltagsleben im Frankfurt der frhen Neuzeit.

Blhende Gemeinde

In unmittelbarer Nachbarschaft, am Brneplatz, befindet sich eine 1996 errichtete Gedenksttte fr die Opfer des Holocaust. An der Mauer des angrenzenden mittelalterlichen jdischen Friedhofs dokumentieren etwa 12 000 kleine Stahlblcke Namen und biografische Daten aller Frankfurter Juden, die zwischen 1933 und 1945 deportiert und ermordet wurden. Im Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten lebten mehr als 26 000 Juden in Frankfurt. Die Stadt hatte somit einen greren jdischen Bevlkerungsanteil als Berlin. Groe Synagogen am Brneplatz, an der Friedberger Anlage sowie im Westend zeugten von der Blte der Gemeinde. 1945 lebten dann nur noch 160 Juden in Frankfurt, nur die Westend-Synagoge berstand Pogromnacht und Weltkrieg.

Die jdische Nachkriegsgeschichte der Stadt wurde erheblich von Holocaust-berlebenden aus Polen, Ungarn und Rumnien geprgt – so vom langjhrigen Gemeindevorsitzenden Ignatz Bubis (1927–1999). Viele jdische Familien wollten eigentlich nach Israel oder Amerika auswandern. Sie strandeten in Westdeutschland. Nicht nur sprichwrtlich blieben ihre Koffer ber Jahrzehnte gepackt. Das hat sich gewandelt: „Wer ein Haus baut, will bleiben“, sagte der Architekt Salomon Korn 1986 bei der Einweihung des von ihm entworfenen Gemeindezentrums in der Savignystrae. Korn ist seit 1999 Vorstandsvorsitzender der Jdischen Gemeinde Frankfurt. Dank der Einwanderung von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion ist sie inzwischen auf knapp 7000 Mitglieder angewachsen.

Neue Bedrohung

Jdisches Leben ist in Frankfurt einerseits fast selbstverstndlich geworden. Das 1988 gegrndete Jdische Museum bekommt einen Erweiterungsbau und eine neu konzipierte Dauerausstellung. In der traditionsreichen Lichtigfeld-Schule im Frankfurter Nordend wird bald wieder das Abitur angeboten. Auf U- und Straenbahnen wird fr den jdischen Sportverein Makkabi und die israelische Partnerstadt Tel Aviv geworben. Dass Frankfurt mit Peter Feldmann erstmals seit der Weimarer Republik wieder einen jdischen Oberbrgermeister hat, sorgt in der Stadt kaum fr vernehmbaren Gesprchsstoff. Und doch, bei aller Normalitt, hat sich die Stimmung in den letzten Jahren gewandelt. Ob es 2012 mit der Beschneidungsdebatte begann oder 2014, als whrend des damaligen Gazakrieges auf der Zeil antisemitische Hassparolen zu hren waren, wird man nicht genau sagen knnen. Wer die Kippa, die religise Kopfbedeckung der Juden, trgt, luft mancherorts Gefahr, beschimpft und angegriffen zu werden. Antisemitismus ist wieder zum ffentlichen Thema geworden.

 

By | 2018-08-07T05:02:19+00:00 August 7th, 2018|Feuilleton|0 Comments

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